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Die Atmosphäre ist ohrenbetäubend. Es ist der pure Wahnsinn. Ich habe schon vieles gesehen auf der Welt, Bühnenauftritte, Shows und Jazzkneipen, aber das was hier abgeht, ist dermaßen inspirierend un mitreißend. Es ist die pure Leidenschaft, Erotik, es ist Energie, welche die verrauchte Luft im dunklen Schimmer der Tischkerzen auseinander zu sprengen droht. Das "La Candela" die Flamme macht seinem Namen alle Ehre. hier züngelt es vor Begierde. Hier wird hemmungslos das ausgetobt, was in den Adern der Südspanier lodert und pulsiert, seitdem die Zigeuner aus Indien und Pakistan einwanderten und ihre Gefühle in der Musik zum Ausdruck brachten. Der Taxifahrer vom Flughafen hatte Recht: ich sehe nur Einheimische. Der Weg hierher war schon abenteuerlich genug. Zuerst dachte ich, dieser zahnlose Chauffeur würde mich entführen und anschließend auasrauben oder sich an mir vergehen. Er hätte auch ein leichtes Spiel gehabt mit seiner deutschen Lady. Der Weg ging immer steiler den Berg hinauf. Die Straße wurde holpriger und immer schmäler. Die Gegend immer einsamer. Bis wir endlich an diesem alten, von außen unscheinbaren, ja fast bäuerlich wirkenden Steinhaus anhielten. Eine alte, heruntergekommene Finca. Als ich in die Bar eintrat, erfasste mich eine völlig andere Welt, und es war nicht einfach, in diesem feucht schwülen Gedränge zwischen jungen und alten Menschen, die sich rhythmisch zur Gitarrenmusik bewegeten - tanzend, stehend - einen Weg zu finden - der mich zur Theke führte. Zuerst einen Rotwein. Und dann einfach hineinstürzen. In diese poetische Zigeunermusik. Sie lachen, singen, sprechen, das Volk bewegt seine Hüften wie die Wogen des Mittelmeers bei aufkommenden Solano-Winden. Sie klatschen rhythmisch mit den Händen. Die Alten sitzen auf ihren Stühlen, rauchen, trinken, lachen und strecken ebenfalls ihre Arme in die Höhe. Sie schwingen ihre stola und vergessen die Zeit und ihre Lebensjahre. Eine Tänzerin in einem feurig-roten Flamenco-Kleid steht etwas oberhalb auf einer provisorischen Holzbühne. Mit schwarzem, strengen Dutt, erhabenem Blick, Hohlkreuz, die Brüste dadurch stolz zeigend, klatscht sie in die Hände, feuert die grölende Masse weiter an und schreit: "Olé! Si! Vamos!" Und nickt, ihr Schritt hämmert unablässig auf den alten Holzboden. Sie greifen nach ihr. Doch sie folgt ihrem stolzen Tanz und genißet das tobende Bad in der Menge. Als der Schweiß zwischen ihren Brüsten das eng anliegende Kleid dunkelrot färbt, werfen sie ihr einen roten Fächer zu. Sie wirft ihren Kopf stolz in den Nacken und fächert sich etwas Abkühlung in ihr makellos ebenes Gesicht und in ihr teifes Dekolleté. Die Lippen purpurrot, die Augen dunkel wie die Ncht, hält sie schließlich inne und die Menge grölt. Sie klatschen weiter, zu Klang der Gitarre. Ein alter Mann erhebt sich und singt das Leiden der Zigeuner aus voller Brust heraus. Die Tragik dieses Volkes, vermischt mit dm arabischen Einfluss, ist unverkennbar und die Tänzerin beginnt erneut, ganz sanft zuerst, dann intensiver mit ihren Hüften zu schwenken, ihr Blick zum Publikum betörend, der Ausschnitt un dRücken sichtbar von ihrem Körperschweiß dunkelrot gefärbt. hier wird der Flamenco nich tnur gelebt, hier wird er gefühlt, mit jeder Faser der Seele. Sie verkörpern den klassischen Flamenco durch alle Generationen hindurch, hier im "La Candela". Die Flammen schlagen längst zur Decke und niemand, niemand möchte dieses lodernde Feuer löschen. Im Gegenteil. Es soll brennen. Wie die Glut am nächtlichen Lagerfeuer der Zigeuner. Vor Begeisterung habe ich nicht bemerkt, dass mein erstes Glas Barbadillo längst leer ist. Die Bedienung bewegt sich selbst zu der nun mehr schreiend klingenden Musik. Schmerz erfüllt den Raum. Der Ober lächelt mir nebenbei zu und ich nicke, er schenkt mir nach. Längst hat mich der Flamenco erfasst, ich kann nicht mehr loslassen vom Anblick, von der Akustik der Thythmen. Diese Musik hat seine eigene Magie. Hat einmal die Seele Blut daran geleckt, kommt sie nie mehr davon los. Eso es! Letizia matte an diesem Tag all meine Poren geöffnet. Die Kopfmassage war wie eine Vorbereitung auf die folgende nächtliche Selenmassage und so kann es nur eine logische Schlussfolgerung sein, dass ich, während ich ebenfalls beginne, meine Hüften im Rausch der Musik zu bewegen, langsam meine Arme hebe, die Spanierinnen beobachte und sie in ihren Bewegungen nachahme. Längst ebenso verschwitzt mit feuchter Haut und glasigen Augen, eingesogen von den aufgebrochenen Grenzen zwischen Tabu und Losgelöstheit. Mein Barhocker wird zu meinem Pendant. Ich beginne um diesen Stuhl herum zu schwingen, erst schüchtern, dann immer mutiger reck eich meine Schultern, Kopf und Kin nach oben, strecke meine prallen Brüste heraus und kreise fächerartig mit den händen über meinem Kopf. Ich wil auch eine von ihnen sein und diesen grauen, muffigen Alltag in Deutschland hinter mir lassen. Nur für einen Augenblick oder doch für die Ewigkeit? Genau in diesem Moment schiebt sich aus der schamlosen Nacht, ein großer dunkelhaaariger Mann zu mir. Sein blick ist bewegungsls und ernst auf mich gerichtet. Er kommt aus dem Nichts und nickt mir erhalben, auffordernd, zu, hebt ebenfalls seine Arme und klatscht in die Hände, sein weißes, hochgekrempeltes kangärmeliges Hemd ist beinahe bis zum Bauch geöffnet. Schwarze Körperhaare bedecken seinen muskulösen Brustkorb. Auf seiner Stinr schimmern Schweißperlen, seine Hüften sind schmal, die Beine lang unter einer schmalen schwarzen Stoffhose versteckt, sein Schritt maskulin und rhythmisch zur Musik. Ich zögere, er nicht mir erneut zu. "Auf in den Kampf Torero!" Lese ich in seinem fordernden Blick und folge ihm bedächtig in Hypnose, bewege mich mit meinen weiblichen Hüften langsam zu ihm hin. Der alte Mann singt eine Oktave höher, er schreit seinen Schmerz inzwischen so sher heraus, dass der Masse der Atem stockt, die Gitarre schneller wird, und mit ihr der Spanier mit seinem schlagenden Absatz seiner Schuhe auf dem Holzboden. Er dreht sich vor mir und immer wenn ich mich drehen will, nähert er sich rasch mit seiner behaarten Brust wie ein tollkühner Stierkämpfer. Siegessicher sein Blick. Ich erinnere mich asu früheren Zeiten an meinen Sprachunterricht auf Las Palmas: der Oberkörper immer zum Tanzpartner gewandt, zwar drehend, fordernd, aber niemals mit dem Rücken zum Partner. Wenn, dann nur in einer schnellen kreisenden Bewegung. Doch mit den Augen immer im Blickkontakt. Und diesen Tanz vollziehen wir nun. Ich tanze außerhalb meiner bisher erlebten Welt. Hinein in den Tanz auf dem Vulkan. Der Platz um uns herum wird größer. Ein fächerförmiger Kreis bildet sich. Die Menschen beginnen uns zuzujubeln. Sie erkennen, dass ich eine Fremde war und eine Ergebene, die durch die Magie des Flamencos nun völlig verzaubert tanzt. Sie klatschen, grölen, pfeifen und schreien und wir tanzen alles aus unserem Leib, unserer Seele heruas. Ich: meine Einsamkeit, meine Zurückhaltung, meine nicht ausgelebten Sehnsüchte, die Liebe zu dieser Musik, zu diesem Land. Ich lasse los und lasse mich fallen. Der Spanier tanzt seine Seele heraus. Seine Leidenschaft, die er hier der Öffentlichkeit völlig preisgibt. Kurz bevor der Alte sein Lied mit einem nicht enden wollenden Aufschrei beendet, kniet sich der Spanier ergeben vor mir nieder, ein Arm bittend zu mir empor gestreckt, der Blick völlig hingebungsvoll auf mich gerichtet. Nur für einen Moment. Dann steht er auf, greift sanft nach meinen Schultern und am Ende liege ich, der erlegte Toro, in seinen Armen, keuchen, schweißgebadet und völlig erschöpft. Der Fremde nimmt meine nasse Hand nd führt mich nach draußen an die frische Luft. Die Grillen zirpen ihr eigenes Lied. Die Sterne funkeln uns schelmisch zu. Längst habe ich die Welt um mich herum vergesen, es gibt nur dieses Fleckchen Erde und über mir das friedliche Sternenzelt. Der Wein pocht in meinen Adern, der Flamenco fließt durch mein Blut und in diesem Moment, als er stehen bleibt und mich anschaut, tief, als würde er in mir versinken, beugt er sich zu mir herab und küsst mich. Seine Lippen schmecken wie Honig. Die Berührung lässt mich tief unten in meinem Schoß zusammenzucken. Erst küsst er sanft, ganz vorsichtig, dann lästt er wieder von mir ab und versinkt erneut in meinen Augen. Wie berauscht. Wieder legt er seinen Lippen heißblütig auf meinen Mund und küsst mich. Jetzt: zügellos, dabei bewegt er fordernd seine Hüften zu mir und hält mich fest in seinen starken Armen. Ich kann ihm nicht ausweichen und spüre seine harte, heißpulsierende Männlichkeit zwischen seinen Lenden. Sein leidenschaftlicher Kuss schmeckt jetzt wie süßer Wein. Sein Körper riecht nach starkem männlichem Verlangen. Der Torero hat mich erlegt und ich bin ihm ausgeliefert. Und so soll es sein.
Flamenco Blues Vindobona Verlag ISBN-10: 3850404412 <www.vindobonaverlag.com>
Mehr über die Autorin, die auch als Sprecherin arbeitet: <www.www.karwath-sprecherin.de>
Im Winter organisiert Radio Europa eine Lesung auf Teneriffa. Der genaue Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben.